Auswirkungen meiner Erfahrungen und Erlebnisse auf mich ganz persönlich. Wie habe ich mich verändert?
Und, wie war’s? Diese Frage habe ich seit meiner Ankunft zurück in Deutschland viel öfter gehört, als das ich es hätte zählen können. Das Schwierige dabei ist: Wie fasst man ein ganzes Jahr in wenigen Worten zusammen? Meine Antwort war meistens ein: Super, ich würde es immer wieder machen, oder, absolut toll und ich kann es jedem nur weiterempfehlen!
In diesem Bericht möchte ich versuchen einen kleinen Eindruck darüber zu vermitteln, wie ein Auslandsjahr ablaufen kann und was in den Köpfen so manch eines Austauschschülers vor sich geht.
Die Ankunft & das Eingewöhnen
Ein tränenreicher Abschied in Deutschland stand am 12.8 auf dem Programm sowie die ersten Schritte auf amerikanischem Boden. Ein aufregender Tag aber definitiv noch nicht der Aufregendste der kommenden 10 Monate, dieser kam erst 2 Tage später. Gemeinsam mit Tobias (PPP’ler aus Leipzig) ging es per Flugzeug nach Providence. Was ich noch nicht ahnte: Diese 2 Stunden sollten die letzten deutschsprachigen für die nächste Zeit werden. Als wir losgingen um unser Gepäck zu holen, dachten wir, dass es ja noch so lange dauert bis wir unsere Familien endlich persönlich kennenlernen. Tja, falsch gedacht. Der Flughafen ist nicht zu vergleichen mit dem in Frankfurt. Man geht von dem Gate direkt in den Abholbereich, wo wir auch schon freudig erwartet wurden. Alle Aufregung war umsonst, da ich von Anfang an sehr herzlich Wilkommen geheißen wurde. Die ersten Tage des Eingewöhnens waren anstrengend. Das ständige Übersetzen macht einen müde, sodass man um 10 tot ins Bett fällt.
Der Spaß kam nie zu kurz wenn auch die Verständigung teilweise nur mit Händen und Füßen geschah.
3 Wochen nach meiner Ankunft fing dann auch die Schule an. Der Ort an dem ich die nächsten Monate den grossteil meiner Zeit verbringen würde (was zu dem Zeitpunkt ja noch niemand ahnen konnte). Schon in der Woche vor Schulbeginn hatte ich die Möglichkeit mit dem Tennis-Team meiner Schule mitzutrainieren. Dazu sollte erwähnt werden, dass ich vorher noch nie in meinem Leben Tennis gespielt habe. Das Team war jedoch so offen, freundlich und hilfsbereit, dass es schnell keine Probleme mehr gab.
Der Erste Schultag lief dank der guten Experiment Vorbereitung sehr gut. Uns wurde auf dem Vorbereitungsseminar schon erklärt wie es ablaufen kann und das man als Austauschschüler auch mal die Initiative ergreifen muss Leute anzusprechen.
Mir persönlich fiel es vorher immer schwer Leute, die ich nicht kenne, anzusprechen doch erstaunlicherweise hatte ich damit überhaupt keine Probleme. An der Tiverton High School mit knapp 600 Schülern, kannte die Hälfte schon vor Schulbeginn meinen Namen, da ich seit Jahren die erste Austauschschülerin war.
Alltag
Nachdem die ersten Wochen in der Schule gut überstanden waren ging es schnell in ein Alltagsgefühl über. Schule von 7.30-14.00 danach 3 Stunden Tennistraining bzw. ein Tennisspiel. Viel blieb vom Abend nach duschen und Hausaufgaben nicht mehr übrig. Jede freie Minute habe ich gemeinsam mit meiner Gastfamilie beim Fernseh schauen, reden oder Spiele spielen verbracht. An den Wochenenden wurden Ausflüge unternommen oder einfach auch mal ausgeschlafen.

Mein besonderes Augenmerk möchte ich auf die Schule lenken, die mir während des Jahres so viel gegeben hat. In der Tiverton High School habe ich so vieles gelernt wie z.B. das Schule Spaß machen kann, Fächer wie Chor hilfreich sein können und man bei Ausflügen viel lernen kann. Durch die Hilfsbereitschaft meiner Lehrer, Mitschüler und der Schulleitung wurde Schule für mich zum ersten Mal wichtig und ich habe mich mit ihr identifiziert. Ich durfte mich als Teil einer Gemeinschaft fühlen, die durch Sportwettkämpfe, Musik Aufführungen und Bälle noch verstärkt wurde.

Ein weiterer Teil der mich persönlich während der 10 Monate besonders geprägt hat war meine Gastfamilie. Ich konnte mir am Anfang nicht vorstellen wirklich so etwas wie eine 2. Familie zu gewinnen, doch jetzt mit ein wenig Abstand kann ich sagen das ich für den Rest meines Lebens auf der anderen Seite der Welt willkommen bin. Diese Bindung entwickelt sich den ganzen Aufenthalt über und wird von Tag zu Tag stärker. Mit meinen 2 Gastgeschwistern (Emily 15 & Colby 12) habe ich mich sehr gut verstanden und ich wünsche mir sie so bald wie möglich wiederzusehen. Auch zu meinen Gasteltern Carolyn und Randy hatte ich ein sehr enges Verhältnis. Sie waren von Anfang an in allen Situationen für mich da und haben mich in den Dingen die ich mir vorgenommen habe unterstützt. Sie waren bei meinen Tennisspielen, bei meinen Chorauftritten und meinen Cheerleading Wettkämpfen. Sie standen wie alle anderen Eltern am Abschlussball da und haben stolz Fotos gemacht. Es hat mir viel bedeutet ein Teil einer solch liebevollen Familie sein zu dürfen. Sie haben mir unglaublich viel gegeben und ich hoffe durch kochen, backen, putzen und erzählen einen kleinen Teil zurückgegeben zu haben. Durch ihre Erziehung wurde ich noch selbstständiger und zielorientierter. Ich habe außerdem auch verstanden wie wichtig Familie ist und das sie durch nichts zu ersetzen ist.

Abschied
Der Abschied von meiner Gastfamilie, meinen Freunden, den anderen Austauschschülern, meinen Trainerinnen, meinen Lehrern und meinem Local Coordinator fiel mir schwer. Weitaus schwerer als gedacht. Wer konnte schon ahnen, dass ich die Schule vermissen würde? Die letzten 2 Wochen in Rhode Island habe ich viel mit meiner Gastfamilie und meinen Freunden unternommen. Ich wollte nicht zurück fliegen mit dem Gedanken irgendetwas nicht getan zu haben. Mein letzter Schultag war der schönste und gleichzeitig traurigste. Alle meine Klassen hatten Abschiedsfeiern vorbereitet und an Unterricht war nicht zu denken. Ende der letzten Stunde wurde dann eine Durchsage durch die Lautsprecher gemacht, dass heute mein letzter Schultag war und mich alle sehr vermissen werden. Sie haben sich bei mir für meine Anwesenheit, meine positive Einstellung und die schönen Momente bedankt. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich die Tränen die sich über die vergangenen Wochen angestaut hatten nicht mehr zurückhalten. Meine Klassenkameraden kamen und haben mich in den Arm genommen, meine Lehrer haben sich noch mal persönlich verabschiedet und letztendlich habe ich eine halbe Stunde gebraucht bis ich die Schule verlassen konnte. An diesem Tag wurde mir schmerzlich bewusst, wie sehr ich Teil dieser Gemeinschaft geworden bin und es schwer sein wird nächstes Schuljahr nicht dabei zu sein.
Den Abend habe ich mit meiner Gastfamilie beim Packen verbracht. Die letzte Nacht habe ich zusammen mit meinen Geschwistern in meinem ausgeräumten Zimmer geschlafen. Am nächsten Morgen haben wir uns mit allen getroffen die mit zum Flughafen fahren wollten. 4 Autos haben wir voll gepackt. Diese letzten 2 Stunden bevor es durch die Sicherheitsabsperrung ging waren die schlimmsten meines gesamten Aufenthaltes. Ich wusste bis dahin nicht wie viele Tränen ein Mensch besitzt und wie schmerzlich es ist sich auf einen unbestimmten Zeitraum zu verabschieden.
Unter Tränen hieß es immer wieder: Ich werde zurückkommen. Dies ist kein Abschied nur ein auf Wiedersehen!


Ich versuche jetzt hier in Deutschland einige der positiven Charaktereigenschaften der Amerikaner zu übernehmen. Ich sage den Menschen in meinem Umfeld wenn mir etwas gut an ihnen gefällt wie ihre Frisur, ihre Halskette oder ihr Gürtel. Dies sind Kleinigkeiten die oft übersehen und jemandem doch ein Lächeln auf das Gesicht zaubern können. Ich fange Gespräche mit mir unbekannten Menschen an um sie besser kennenzulernen. Ich versuche immer das Gute an einem Menschen zu sehen und nicht nach dem Äußeren zu urteilen.
Das Jahr in den USA hat mir persönlich sehr viel gebracht. Ich habe eine 2. Familie, einen 2. Freundeskreis und eine 2. Heimat für den Rest meines Lebens gewonnen. Ich bereue die Entscheidung keine Minute und ich beneide jeden Austauschschüler der diese Erfahrung noch vor sich hat.
Dankeschön!